Djangos
Erben
Dokumentarfilm
Buch & Regie: Robert Krieg & Monika Nolte
Produktionsförderung durch die Filmstiftung NRW
Drehbeginn: Juli 2008
Jedes
Jahr im Sommer erwacht ein unbenutzter Fußballplatz am Stadtrand
von Koblenz aus dem Dornröschenschlaf: Camping-Wagen treffen gruppenweise
ein, ein Festzelt wird errrichtet, Bierstände, und Würstchenbuden
werden aufgestellt. Für drei Tage sind Sinti-Musiker aus Deutschland,
Frankreich und der ganzen Welt zusammen gekommen, um auf dem Musik-Festival
“Djangos Erben” den legendären Sinti-Swing zu spielen,
den Django Reinhardt in den 30er Jahren des vorigen Jahrhundert weltberühmt
gemacht hat. Treibende Kraft hinter dem Musik-Fest ist die Familie Sascha
Reinhardt, die seit Generationen in Koblenz verwurzelt ist. Daweli Reinhardt
(75), der Botschafter der Sinti von Koblenz und Oberhaupt der weitverzweigten
Familie, spielte als Sologitarrist im “Schnuckenack Reinhardt
Quintett” und machte Ende der 60er Jahre den Sinti-Jazz auch in
Deutschland populär. Musik ist ihr Leben, fast alle Reinhardts
sind hochmusikalisch, aber nur wenige können damit ihr Geld verdienen.
Während
des Festivals treffen wir mit Familienmitgliedern aus drei … Generationen
zusammen. Die mitreißende Musik bildet den roten Faden und wiederkehrenden
Bezuspunkt des Films, von dem aus sich Geschichten und Themen der Protagonisten
entfalten. Ihre Lebensentwürfe spiegeln die Vielfalt und Widersprüche
einer nationalen Minderheit wider, die bis heute von der Mehrheitsgesellschaft
diskriminiert wird. Die meisten Sinti möchten ihre kulturellen
und sozialen Traditionen nicht missen. Sie geben ihnen die Sicherheit
im Alltag und bewahren sie vor Demütigungen. Gleichzeitig können
sie sich dem gesellschaftlichen Wandel nicht dauerhaft verschließen.
Schon längst sind Phänomene wie Internet oder Hip-Hop ein
selbstverständlicher Bestandteil des Alltags von Sinti-Jugendlichen.
Die Sprache Romanes als erkennbarster Ausdruck der eigenen Identität
innerhalb der anderen Realität, Deutscher zu sein, verliert immer
mehr an Bedeutung. Wie gehen unsere Protagonisten mit der Herausforderung
um, einerseits mit Fleisch und Blut Sinti zu sein, gleichzeitig aber
auch wie jeder andere Deutsche zu leben und anerkannt werden zu wollen?
Sascha
Reinhardt (55) hätte gern studiert, aber in seiner Generation hatten
Sinti-Kinder keine Chance auf eine gute Schulausbildung. Noch seine
Söhne haben unter dem Stempel, “Zigeuner” zu sein,
in der Schule gelitten. Sascha ist der Initiator und Motor des Festivals,
seine Söhne helfen ihm dabei. Mit dem Festival verbindet er das
hochgesteckte Ziel,Vorurteile gegenüber den Sinti abzubauen und
die Deutschen für ihre Kultur zu interessieren. Wenn das Festival
vorbei ist, geht er den Geschäften nach, die die Mehrheitsgesellschaft
von ihren ‘Nischenbewohnern’ kennt: Schrott fahren, Würstchenbuden
betreiben, Weihnachtsbäume verkaufen. Bawo Reinhardt (66), der
auch schon Gastwirt war und als Bassist in verschiedenen Sinti-Ensembles
mitspielt, organisiert mit seiner Tochter Tschai (34) Romanes-Unterricht
für Sinti an einer deutschen Grundschule im Stadtteil Koblenz-Asterstein
– damit die Sprache nicht verloren geht. Bawo unterrichtet selbst
mit pädagogischem Geschick, obwohl auch er früher nur selten
eine Schule von innen gesehen hat.
Hatscha Reinhardt (52) betreibt mit seinen Söhnen eine Tischlerei
für die Restauration und den Nachbau von antiken Möbeln. Mit
seinen Arbeitsmethoden setzt er eine kunsthandwerkliche Tradition der
Sinti fort, die bis in das Mittelalter zurückreicht: Möbel-
und Instrumentenbau. Eine reguläre Ausbildung hat er nie erfahren.
Alles was er kann, hat er von seinem Vater Nonno Reinhardt (73) gelernt.
Jetzt gibt er sein Wissen an die Söhne weiter.
Lulo Reinhardts (47) Spiel auf der Solo-Gitarre ist von Musikstilen
aus der ganzen Welt inspiriert. Er ist einer der begabtesten und erfolgreichsten
Musiker aus der Familie und verbindet Elemente des Jazz, des Flamenco,
der Latin-Music und des Sinti-Swing zu einer einzigartigen Mischung.
Er spielt oft mit Nicht-Sinti-Musikern zusammen. Gleich-wohl versteht
er sich als Botschafter der Sinti-Kultur. Gemeinsam mit seiner Nichte
Sibel (13), die als eine der wenigen des Clans das Gymnasium besucht,
führt er Lesungen zum Thema Rassismus durch. Die Generation der
Großeltern steht für die Erinnerung an die Verfolgung und
Vernichtung der Sinti und Roma während der Nazi-Zeit. Kaum erinnert
wird die fortgesetzte Diskriminierung der deutschen Sinti von staatlicher
Seite in der Nachkriegszeit bis in die achtziger Jahre – obwohl
die daraus entstandenen Vorurteile der deutschen Mehrheitsgesellschaft
bis heute in den Knochen stecken.
Allen
Protagonisten ist ihre tiefe Verwurzelung in der Sinti-Kultur gemeinsam.
Welche Zukunft hat eine nationale Minderheit, die auf ihrer Eigenständigkeit
besteht, deren Kultur aber immer mehr in der Mehrheitsgesellschaft zu
verschwinden droht?